DI 21.03.2017 (15.01.2017 - 17.04.2017)

Luthermania - Ansichten einer Kultfigur

Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel

Ausstellung, Geschichte

Martin Luther ist eine der großen Gestalten der deutschen Erinnerungskultur. Denkmäler, Kirchen- und Straßennamen, Zeitschriften, Bücher und Comics, Postkarten, Briefmarken und Münzen – nicht zuletzt Jubiläumsfeiern und Ausstellungen halten das Andenken an den Reformator im öff entlichen Raum präsent. Aber an wen wird eigentlich erinnert? Wer war Martin Luther? Auf diese nur scheinbar triviale Frage sind in den vergangenen 500 Jahren sehr unterschiedliche Antworten gegeben worden. Noch zu Lebzeiten wurde aus der Person Martin Luther eine Figur, die nicht nur Gegenstand von kultischer Verehrung und erbitterter Anfeindung war, sondern in wechselnden sozialen, politischen und ökonomischen Zusammenhängen auch als Instrument der Legitimierung und Medium der Identitätsstiftung diente. Es entstand eine Vielzahl von Lutherbildern, die zum Teil bis heute wirksam geblieben sind: Heiliger, Ketzer, Prophet, Antichrist, Kirchenvater, Kirchenspalter, Aufklärer, Antisemit, Genie, Scharlatan, Nationalheld, Fürstenknecht.

Die Ausstellung Luthermania – Ansichten einer Kultfigur möchte zeigen, dass diese Lutherbilder eine Herkunft und eine Geschichte haben, dass sie geformt sind von der sozialen und politischen Lage, von kulturellen Entwicklungen und Krisen der jeweiligen Zeit. Die Exponate, die in der Ausstellung vorgestellt und in einem 400 Seiten starken Katalog erläutert werden, erzählen mithin wenig über die Person Luthers. Vielmehr waren sie materielle Agenten, die die Aufgabe hatten, eine bestimmte, mit Vorannahmen, Wertzuschreibungen, Idealen und Absichten behaftete ›Sichtbarkeit‹ her zu stellen – eine vieldeutige, komplexe und womöglich widersprüchliche Person zu einer klar konturierten, eindeutigen, ja evidenten Figur zu reduzieren. Kurz gesagt: Sie haben ›Luther‹ gemacht. Daher sind sie mehr als nur materielle Zeugnisse vormodernen Geisteslebens: In ihrer Zeit ›vermittelten‹ sie nicht einfach vorgängige Lutherbilder, sondern stellten sie in dem Maße her, wie sie Teil sozialer Kommunikationspraktiken waren. Als Elemente in Praktiken des Lesens und Sprechens, des Zeigens und Verbergens, des Warenhandels und des Gabentauschs, der Verehrung, der Kritik und der Schmähung haben alle diese Objekte aktiv an der Entstehung, Verbreitung und dem Wandel der
Vorstellungen über Luther mitgewirkt.

Der Großteil der Objekte und Bücher aus dem Bestand der Herzog August Bibliothek stammt aus dem 16. und 17. Jahrhundert – darunter zahlreiche Bildnisse, satirische Flugblätter und seltene Objekte wie das Tintenfass, mit dem Luther nach dem Teufel geworfen haben soll. Gleichwohl soll damit nicht nur die Geschichte der Lutherbilder in der Frühen Neuzeit erzählt werden. Zwar verdankt sich ein nicht geringer Teil der heutigen Ansichten und Vorstellungen über Luther der deutschnationalen Erinnerungspolitik des 19. Jahrhunderts, doch hat diese Zeit Luther ebenso wenig aus freien Stücken erfunden wie sich in vorangegangenen Jahrhunderten der ›echte‹ Luther umstandslos finden ließe. Vielmehr haben die nicht selten ins Mythische tendierenden Darstellungen Luthers der Frühen Neuzeit, erhalten in unterschiedlichsten medialen Formen, die modernen Lutherbilder vorbereitet und ermöglicht. Die Ausstellung Luthermania präsentiert vier wesentliche kulturelle ›Spielfelder‹, in denen sich Lutherbilder entwickelten und über lange Zeiträume agierten: Luther, der Heilige – Luther, der Teufel – Luther, die Marke – Luther, der Deutsche.

Die Ausstellung, die am 15. Januar 2017 mit einer Festrede der Luther-Biografin Lyndal Roper eröffnet wurde, ist bis zum 17. April 2017 zu sehen. Den Flyer finden Sie hier. Bitte beachten Sie auch die Online-Ausstellung: www.luthermania.de